, Thomas

Vietnams höchster Pass

Reisebericht von Thomas Boesch

   

   

   

   

   

   

Auf meiner Reise durch Jordanien und Vietnam, habe ich einige Fahrräder gesehen. Ihr Zweck war jedoch ausschliesslich für den täglichen Gebrauch bestimmt. In Jordanien hat das Auto das Kamel schon längst abgelöst und ist klar das Transportmittel Nummer eins. Hat man kein Auto, ist das kein Problem, denn es verkehren genügend Taxis oder Busse.

In Vietnam könnte man sich vorstellen, dass das Fahrrad allgegenwärtig ist. Doch in diesem Punkt ist der Einfluss des grossen Nachbars China unbedeutend. Das grosse Ziel eines jeden Vietnamesen ist es, sich ein Motorrad kaufen zu können und mit diesem lässt sich dann wirklich alles transportieren.

Mein Plan war, im nordvietnamesischen SaPa ein Bike zu mieten und mit diesem auf den höchsten Pass Vietnams den Tram Ton Pass (2045m ü.M.) zu fahren. Einerseits reizte mich die sportliche Herausforderung, anderseits wollte ich hautnah den "Strassenalltag" erleben und die Freiheit geniessen da zu verweilen wo gerade etwas Interessantes zu beobachten war. Um mein Vorhaben umsetze n zu können mussten zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens musste das Wetter trocken sein, so dass die grösstenteils aus Kies hergerichtete Strasse sich nicht in einen Bach verwandeln konnte. Zweitens musste das Bike westlichen Standard erreichen (mehrgängig, geländetauglich und funktionstüchtig).

Tatsächlich fand ich in SaPa einen Vermieter von Mountainbikes. Der freundliche Vietnamese stellte mir ein Giant mit Shimano Komponenten für eine Probefahrt zur Verfügung. Alles war ok bis auf die Kette, die war so verzogen, dass ich den kleinsten Gang nicht einlegen konnte. I think you have to change the cain! Schlug ich vor und deutete mit dem Finger auf die Fahrradkette. An der Gestik seiner Antwort konnte ich erahnen, dass er das Problem erkannt hatte. Ich verliess das Geschäft mit der Bemerkung, dass ich am nächsten Morgen wieder kommen werde und falls das Bike funktionstüchtig sei, sofort losfahren wolle.

Als mir der Vietnamese am nächsten Morgen das Bike präsentierte war ich sehr skeptisch. Eine kleine Probefahrt überzeugte mich jedoch. So startete ich bei schönem, trockenem Wetter und schon nach wenigen Kilometern begegnete ich Strassenarbeitern die mit Schaufel und Pickel einen Strassengraben auszuheben hatten. Mein hello wurde natürlich erwidert und ein junger Arbeiter wollte unbedingt mit seinem Handy ein Foto von mir machen. Also legte ich einen ersten Stopp ein. Verständigen konnten wir uns nicht, aber an seinem Strahlen erkannte ich, dass er sehr wohl mit seinem Schnappschuss zufrieden war.

Die Vietnamesen bauen häufig, wenn es das Gelände zulässt, ihre Häuser an den Strassenrand. Da die Bauweise der Hauser nach hinten lang und vorne schmal ist, kommt ihnen die Strasse als verlängerter Arbeits-, Lager-, oder Abstellplatz sehr entgegen. So musste ich immer öfter Haus- und Nutztieren ausweichen.

Als mir nach einer Rechtskurve drei Wasserbüffel den Weg versperren wollten, sah ich mein Unterfangen echt gefährdet! Wir standen da und schauten uns an. Irgendwie muss ich da vorbei, dachte ich. Auf keinen Fall werde ich umkehren! Die Büffel bewegten sich keinen Millimeter und musterten mich mit leicht gesenktem Kopf (Angriffsposition?). Dieses Verhalten beunruhigte und ermutigte mich zugleich. Auf meiner Reise durch Vietnam habe ich viele Wasserbüffel gesehen und alle waren äusserst träge in ihren Bewegungen. Mein Plan war nun: langsam heranzufahren, jede schnelle Bewegung zu vermeiden und im Notfall rechts abzuspringen und die steile Böschung hinauf zu klettern. Die kleine Grasnarbe erachtete ich als sehr geeignet um schnell an Höhe gewinnen zu können.

Ich fuhr also den Büffeln entgegen. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich ja ein weinrotes T-Shirt trug! Noch etwas mehr verunsichert fuhr ich weiter und da geschah es…!! Auf gleicher Höhe mit mir, drehten die Büffel synchron ihre Köpfe und sahen wahrscheinlich zum ersten Mal einen Biker, der einen Mega-Spurt hinlegte!

Ich fuhr erleichtert weiter, genoss die Wärme (24? C), die herrliche Aussicht zurück ins Tal. Immer wieder begegnete ich auch Kindern die meine ausgestreckte Hand berühren wollten. Die Steigung wurde steiler, Schotterpiste löste Teerbelag ab und immer wieder musste ich Löchern ausweichen. Die entgegenkommenden Fahrzeuge nahmen keine grosse Rücksicht auf mich. Zwei – dreimal Hupen, war das Zeichen, dass ich sofort Platz machen sollte. Denn auch das habe ich auf meiner Reise gelernt. Wegen eines schwächeren Verkehrsteilnehmers würde ein Vietnamese niemals die eigene Fahrgeschwindigkeit reduzieren. Endlich hatte ich den Pass erreicht. Ich genoss den Blick ins Weite und stärkte mich mit Fleischspiessen und Reis, welche ich bei einer Vietnamesin am Strassenrand kaufen konnte. Anschliessend fuhr ich zurück ins Tal.

   

Fazit:

Einmal mehr habe ich erlebt, wie vielseitig und spannend der "Strassenalltag" auf dem Fahrrad mitgelebt werden kann! Die harten Lebensbedingungen in den Bergen haben mich sehr beeindruckt. Viele der Bauern leben mit ihren Familien von nicht mehr als 2 US-Dollar/Tag! Das Haus, die Tiere und die Reisfelder, das ist ihr ganzer Reichtum.